Die Johannespassion in der Peterskirche

29. März 2016/2. REPORTAGEN

Am Samstag, den 12. März 2016 wurde in der Weinheimer Peterskirche die Johannespassion von Johann Sebastian Bach aufgeführt.
Die Passio Secundum Johannem ist die erste Passionsmusik größeren oratorischen Umfanges, die Bach komponierte; sie wurde 1724 zum ersten Mal während der Karfreitagsvesper in Leipzig aufgeführt, bis 1749 mehrfach überarbeitet und mindestens vier weitere Male von ihm aufgeführt.
Jeder moderne Interpret der Johannes-Passion steht also vor der Frage,
in welcher Form das Werk erklingen soll. Im heutigen Konzert wird weitgehend die
seit langem übliche und gewohnte „Normalfassung“ musiziert, wie sie
auch in der Neuen Bach-Ausgabe vorgeschlagen wird. Das Continuo erklingt in der Besetzung der 1. Fassung, die für die Nr. 19 (Arioso „Betrachte“), Nr. 20 (Arie „Erwäge“) sowie die Nr. 30 (Arie „Es ist vollbracht“) Gambe und Laute vorschreibt.
2016-03-12-Johannespassion-L1005303 by Roger Schäfer.

Die Johannespassion besteht aus zwei Teilen mit insgesamt fünf „Akten“, die sich an der theologisch üblichen Gliederung der Leidensgeschichte orientieren.
– Der erste Teil berichtet vom Verrat und der Gefangennahme Jesu
(erster Akt) sowie der Verleugnung durch Petrus (zweiter Akt).
– Der zweite Teil der Passion ist wesentlich länger und erzählt von den
Verhören und der Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus (dritter Akt),
von Kreuzigung und Tod (vierter Akt) sowie vom Begräbnis Jesu (fünfter Akt).

Grundlage des Textes ist der Passionsbericht aus dem Evangelium nach Johannes (Kap. 18 und 19). Im Vergleich zu den Berichten von Matthäus, Markus und Lukas stellt Johannes die göttliche Natur Jesu Christi in den Vordergrund und lässt die besonders menschlichen Züge – so etwa das Zagen im Garten Getsemani oder die Mein Gott, warum hast du mich verlassen? – Schreie – außen vor. „Auch am Kreuz ist Jesus nicht der Schmerzensmann, sondern der Vollstrecker des väterlichen Willens. Darum gleichen seine letzten Worte »Es ist vollbracht« einem Jubelruf. Er stirbt ohne lautes Schreien.“ (A. Dürr)

Neben den Texten nach Johannes finden sich auch zwei Abschnitte aus dem Matthäus-Evangelium: das Weinen des Petrus nach der dreimaligen Verleugnung des Herrn / das Zerreißen des Vorhangs im Tempel. Bach beabsichtigt mit diesen beiden Einfügungen, Affekte wie „Klage“ und „Reue“ im Sinne der Affektenlehre der Zeit anzuwenden.

J. S. Bach sieht bei seiner musikalischen Umsetzung des Passionsberichtes quasi eine imaginäre Bühne, auf der dem Hörer das Geschehen der Passion durch verschiedene Personengruppen nahegebracht wird:
– der Erzähler des Evangeliumsberichtes (Evangelist)
– die in direkter Rede sprechenden Personen (Jesus, Petrus, Pilatus etc.)
– die in Gruppen auftretenden Personen (Volk, Hohepriester, Soldaten).

Umrankt werden diese Szenen von einer Fülle betrachtender freier Texte in der Sprache der Zeit J. S. Bachs, welche das biblische Geschehen auf verschiedenen Ebenen reflektieren und die seelische Verarbeitung des Geschehens durch die Menschen ausdrücken:
– Arien (subjektiv bildhafte Sprache des Einzelnen)
– Choräle (kommentierende Betrachtungsweise und
aufrichtige Teilnahme der Gemeinde / der Christen).

Auffallend in der Johannespassion sind Anzahl und Umfang der Turba-Chöre. „Sie sind den Widersachern Jesu zugeschrieben und strotzen nur so vor aufrührerischem Ausdruck. Diesen Ausdruck erreicht Bach durch Repetitionsrhythmen, durch unglaublich ausgeweitete Chromatik, die sich oftmals nicht auflöst, durch eine Harmonik, die fast schon in die Spätromantik weist.“
(K. Freist-Wissing)
Die Passion endet nicht mit dem Schlusschor »Ruht wohl«, sondern es folgt noch der Choral »Ach Herr, laß dein lieb Engelein«; sie endet somit nicht mit dem Tod Jesu, sondern mit der Versöhnung mit Gott und der dadurch zurückgewonnenen Option, in Ewigkeit bei ihm zu sein.
Hier schließt sich der Kreis zum Eingangschor »Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!«. Die Anrede „Herr“ sowie besonders der hymnische Liedschluss „ich will dich preisen ewiglich“ knüpfen an den Gedanken der Verherrlichung im Eingangschor an, so dass auch der Passionstext in seiner Gesamtheit den Bogen von der Herrlichkeit in die Erniedrigung und zurück in die Herrlichkeit nachvollzieht (A. Dürr).

Ach Herr, laß dein lieb Engelein
am letzten End die Seele mein
in Abrahams Schoß tragen,
den Leib in seim Schlafkämmerlein
gar sanft ohn eigne Qual und Pein
ruhn bis am jüngsten Tage!
Alsdann vom Tod erwecke mich,
daß meine Augen sehen dich
in aller Freud, o Gottes Sohn,
mein Heiland und Genadenthron!
Herr Jesu Christ, erhöre mich,
ich will dich preisen ewiglich!

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