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Die bedeutendste Mühle in Weinheim war zu allen Zeiten die Hildebrand’sche Mühle. Im Verlauf ihres Bestehens hatte sie viele Namen, z. B. untere oder vordere Lohmühle, Weschenz Mühle, Mengesse Mühl, untere Mühle und Seitzenmühle. Die Mühle war ursprünglich eine Mahlmühle, später eine Lohmühle, dann Mahl-, Öl- und Schneidemühle wie auch Hanfbreche und Gipsmühle.

2012_06_25_ HildebrandscheMühle_20120625_MG_4322 by Roger Schäfer. Der Lorscher Kodex erwähnt (Codex I, p.252, Nr. 153) eine herrschaftliche Mühle zu Winenheim (molendinum dominicale),die um 1071 der Lorscher Probstei gehörte und unter dem Abt Folkland (1142-1149) samt dem Zehntrecht wieder im Besitz des Klosters gewesen ist. Über den Besitz dieser Mühle hat König Heinrich IV. festgesetzt, dass kein Abt ihn verringern, für sich selbst benutzen oder einem Ritter zu Lehen geben dürfe.

Karl Zinkgräf, der eine bedeutende Abhandlung über die Weinheimer Mühlen verfasst hat („Die ehrbare Bäcker- und Müllerzunft in Weinheim“), nimmt an, dass es sich bei dieser Mühle um die spätere Hildebrand’sche Mühle handelte. Er behauptet auch, dass diese Mühle bereits zur Römerzeit bestand, was er aus dort gefundenen römischen Ziegeln und Münzen schließt und dass sie in der Lorscher Zeit von Mönchen bewirtschaftet wurde. Das ergebe sich aus den Fundamenten kleinerer viereckiger Kammern, die er für Mönchzellen hielt.

1824 erwähnt J. Rieger, dass die an der Weschnitz liegende „Seitzenmühle“ ein „Nonnenkloster“ gewesen sei. Zitat: „Die Bauart bestätiget die Vermuthung“. Auch der frühere Weinheimer Bürgermeister Albert Ludwig Grimm war der Ansicht, dass früher auf dem Gelände der Hildebrand’schen Mühle ein Nonnenkloster, das Vorgängerkloster des Stifts Neuburg in Ziegelhausen, war. Er sieht das im Zusammenhang mit der Neumaurerspforte mit einem gotischen Bogen, die früher am rechten Weschnitzufer gegenüber der Mühle stand. Für die Existenz eines Klosters gibt es allerdings keine Belege.
Die erste sichere urkundliche Erwähnung der Hildebrand’schen Mühle als „Mahlmühl zue Weinheim an der Weschnitz gelegen“ erfolgte am 27.09.1465.

Eine Urkunde über die Verleihung „unserer Müle by Winheym gelegen, genannt die Weschenz Müle“ durch Pfalzgraf Friedrich bey Rhein an Peter Müller von Birkenau „zu einem ewigen Erbe gegen jährlich 20 Malter gutes Korn Weinheimer Maß“ ist vom 01.04.1471. Die Mühlen waren jetzt kurpfälzisches Eigentum. Aus den Ratsprotokollen der Stadt Weinheim von 1664 ergibt sich z.B., dass von den 6 hiesigen Mühlen 5 in die kurfürstliche Kellerei „Pfacht“ zu zahlen hätten. Die meisten Mühlen in Weinheim waren bis Mitte des 18. Jahrhunderts Genossenschaftsmühlen. Jede einzelne hatte mehrere Eigentümer, die den Ertrag teilten. Nur selten blieben die Mühlen längere Zeit im Besitz einer Familie.

Die Mühlen waren von den Eigentümern an „Beständer“ verpachtet. Die Beständer oder Erbbeständer waren die Müller, die die Mühle betrieben. Sie mussten eine jährliche Pacht in Geld oder Naturalien an die Kurfürstliche Kellerei oder an spätere andere Eigentümer bezahlen. Bei den zu entrichtenden Naturalien sprach man zum Beispiel von „8 Malter Korn, einem Eimer Müllemer Beetwein, und zwei Kappen (Kapaunen)“.

1500 betreibt der Müller Nickel Hornigk die Weschnitzmühle. Bald darauf wird sie an Doktor Johannes Pfau aus Eppingen (Doktor beider Rechten und Ordinarius. Lektor in studio zu Heidelberg) verkauft.
Dr. Johannes Pfau und seine Hausfrau Barbara Daschenmächerin verkaufen am 22.04.1542 dem „Ehrsamen Wolf Seytzen“, Bäcker, Müller und Bürger zu Hemsbach, die Mühle, die damals „Weschensmühl“ genannt wird, mit „Haus, Höfen, Scheuer, Ställen, Gärten, Büschen und allem Begriff und Zugehörde ob und unter der Erde“ für 1.025 Gulden. Von nun an wird die Mühle Seitzenmühle genannt.

Die Mühle ging von Wolf Seytz durch Erbschaft auf dessen Sohn Hanns Seitz und seine Tochter Elisabeth über. Neben den Müllern gab es viele Weinheimer Bürger, die an der Mühle Anteile hatten. Es wurden so genannte „Taggerechtigkeiten, Mühltage und Tagwerke“ verkauft. Beispielsweise wurde der „drittig Teil an 10 Tagen“ verkauft, das heißt, der Käufer hatte an 3 ½ Tagen pro Woche das Recht, für sich zu mahlen, während die anderen Miteigentümer ²/³ Anteil also 6 ²/³ Tage arbeiten durften.

1617 gehört die „Weschnitzmühle“ als Genossenschaftsmühle mehreren Anteilsbesitzern.
1766 wird die Seitzenmühle als Mahl-, Öl- und Schneidemühle erwähnt; sie gehörte zu der Zeit 12 Anteilseignern. Friedrich Peter Wundt hat in seiner Beschreibung der pfälzischen Bergstraße von 1794 geschrieben: „Den 1. Jenner 1792 zählte man in der Stadt 7 Mahl-, Öl-, Lohn- und Walkmühlen. Darunter ist die Seitzische an der Weschnitz, die zwölf Bürgerfamilien zustehen, die beträchtlichste, indem sie außer dem darum liegenden Garten- und Ackerfeld noch einen schönen Districkt Waldung als Eigentum besitzt. Sie muss sehr einträglich sein, weil der Beständer jährlich der Gesellschaft abgibt 101 Malter Korn, 75 Malter Spelzenkern, 125 Malter Gerste, 1200 Stück Ölkuchen, 3 Malter gerollte Hirsen und Gerste, 25 Säcke zu Viernzel (ein solches von ¼ Malter, also zusammen 125 Viernzel = über 31 Malter) und 80 Gulden an Geld. Die Mühl hat aber auch das Vorrecht, dass man alle Früchte, die man darauf will mahlen lassen, hinführen muss und der Beständer also nicht nötig hat, zu diesem Behufs einiges Fuhrwerk zu unterhalten.Er muss außerdem der churfürstlichen Hofkammer jährlich 22 Malter Korn entrichten und noch einige andere kleine Lasten tragen.

Die damals einer Genossenschaft gehörige Seitzische Mühle scheint hiernach die einzige Weinheimer Kundenmühle gewesen zu sein, wohin der Bürger und Bauer selbst sein Getreide bringen musste. Musste es aber der Müller bei seiner Kundschaft holen, so schlug er die Kosten dafür auf den so genannten Multer oder Malter, den Mahllohn“. 1768 gibt es eine Erwähnung der „Mühlen-Interessenten“ Philipp Leist, Philipp Keller, Peter Vogler, Anton Keßler, Friedrich Meyser und Jakob Mathes.

1770 wird Philipp Dell als Seitzenmüller erwähnt.
1804 verweigern die Mühlen-Interessenten der „Seitzenmühle“ den Eintritt in die Weinheimer „Ehrsame Bäcker- und Müllerzunft“.

Am 14.02.1845 erwerben die Brüder Heinrich und Louis Hildebrand aus Worms die Anteile der „im Birkenauer Thale gelegenen sog. Seitzenmühle sammt aller Zubehörde und Gebäulichkeiten mit dem zur Mühle gehörigen Feld und Wald [..]“ von 13 Mühlen-Interessenten zum Preis von 29 606 Gulden.
Am 27.03.1845 ersteigern die Brüder Hildebrand den Mühlenanteil von Christine Heuß für 1 500 Gulden, am gleichen Tag steigern sie auch den Anteil der Bauer‘schen Erben für 750 Gulden. Die Brüder Hildebrand sind nun alleinige Besitzer der Mühle „nebst Oekonomiegebäuden“.

Am 16.06.1845 erhalten die Brüder Hildebrand die Genehmigung des Weinheimer Bezirksamtes, nach dem Teilabbruch der vorhandenen Gebäude einen „Wohnhaus- und Ölmühlbau“ zu errichten.
1848 wird auf acht Mahlgängen Gerste gerollt und auf vier Gängen Roggen und Weizen gemahlen.
1857 scheidet Louis Hildebrand aus dem Mühlenbetrieb aus. Er wird 1858 noch als Mitglied der Bäcker- und Müllerzunft genannt. Am 22.01.1858 lassen Heinrich und Louis Hildebrand die „im Weschnitzthal gelegenen zwei 2stöckigen Wohngebäude mit Mühlgebäude und Zubehörden“ öffentlich versteigern. Heinrich Hildebrand ersteigert die Mühle für 112. 900 Gulden. Die „halbzerbrochene Mühle“ wird vollständig abgerissen und als moderne Kunst- und Handelsmühle neu errichtet. (Der Begriff Kunstmühle bezeichnet den damals modernsten Mahlmühlentyp (z.B. Verwendung eiserner Wellen und Zahnkränze), der ursprünglich in den USA entwickelt wurde. Diese Mühlen setzten sich nach 1830 in Deutschland durch und waren den alten Bachmühlen hinsichtlich Kapazität und Technik weit überlegen). Das wöchentliche Mahlquantum beläuft sich auf 600-700 Säcke zu 100 Kilogramm. In Böllberg/Halle erwirbt Louis Hildebrand eine Kundenmühle, die ab 1863 zu einer modernen Industriemühle ausgebaut wird.
Am 19.11.1858 wird der Bau eines Mühlkanals (Niederwasser-Rinne) behördlich genehmigt. Vermahlen werden Perlgerste, Hirse, Roggen und Weizen.

Am 7.11.1861 wird die Verlängerung des Mühlkanals (flussabwärts) behördlich genehmigt.
1864/65 wird eine erste „Hülfs-Dampfmaschine“ mit 25 PS wird angeschafft. Das Vermahlquantum kann dadurch auf 1.000 Säcke zu 100 kg gesteigert werden. Die Gerstenrollerei wird aufgegeben. Später wird eine weitere Dampfmaschine mit 100 PS angeschafft, außerdem wird eine Hartweizenmühle eingerichtet.

Am 06.04.1866 schenkt der ”Kunstmühlenbesitzer“ Heinrich Hildebrand seinem Sohn Georg „zwei zweistöckige Wohnhäuser mit Mühlengebäuden im Weschnitzthal, nebst Zubehörden um den Abschlag von 85.000 Gulden“.

14.04.1874: „Kunstmüller“ Georg Hildebrand kauft die „Kinscherf‘sche Mühle“ (Obermühle) für 60.000 Gulden. Die Obermühle wird ebenfalls Hildebrand’sche Mühle genannt.

Am 20.02.1879 genehmigt das Bezirksamt Weinheim den Bau eines Steges über die Weschnitz und den Kanal unterhalb der Unteren Mühle.

1880 sind in der Mühle 55 Arbeiter beschäftigt. Das Vermahlungsquantum beträgt 70.000-80.000 Doppelzentner.

1882 wird die repräsentative Villa errichtet. Für das Treppenhaus werden die alten Eichenbalken der abgebrochenen Mühle verwendet.

Am 09.09.1883 stirbt Heinrich Hildebrand.
Am 26.01.1883 erwirbt Georg Hildebrand die Goos‘sche Mühle zum Preis von 28.000 Mark.
Die Kinscherf‘sche und Goos‘sche Mühle nutzen einen gemeinsamen Mühlkanal, die Gesamtmahlleistung der nun zur „Oberen Mühle” zusammengelegten Mühlen erreicht 1.500 Doppelzentner pro Tag.

1890/91 studiert Georg Hildebrand auf einer Englandreise die „Automatische Müllerei“.
Er lässt 1891/92 alle Einrichtungen „herausreißen“ (Zitat) und die Mühle durch die Firma Henry Simon aus Manchester umbauen. Die Mühle wurde völlig abgetragen. Es entstand eine Kunst und Handelsmühle, die mit modernen Müllereimaschinen ausgerüstet wurde. So genannte Wegmann‘sche Walzenstühle (Walzenprinzip) ermöglichten den „vollautomatischen Betrieb“. Eine Dampfmaschine mit 300 PS lieferte die benötigte Energie. Vermahlen wurden wöchentlich 10.000 Sack Getreide aus Amerika, Russland und den Donauländern. Georg Hildebrand baute in Weinheim die erste vollautomatische Großmühle der Welt und erneuerte zwischen 1875 und 1895 dreimal den gesamten Maschinenpark.

Am 09.12.1893 beantragt die Firma Hildebrand ein Anschlussgleis an die Badische Eisenbahn.
1895 erhält sie den Gleisanschluss. Nach Plänen des Gewerbe-Oberlehrers Otto Haßlinger wird 1895 mit dem Bau des 40 m hohen Turmsilos begonnen. Der in Ziegelmauerwerk aufgeführte Turm hat eine Lagerkapazität von 5.000 Tonnen (50.000 Sack Mehl). Im Inneren werden 36 hölzerne Fächer für die Lagerung des Mehls eingebaut, die Holzkonstruktion wird durch drei Waggonladungen Nägel zusammengefügt. Die Bauarbeiten werden durch die Firma Georg Hopp ausgeführt. Der wehrturmähnliche Siloturm stellt eine Reminiszenz an die zeitgenössische Burgenromantik dar. Er gilt heute als das bedeutendste technische Baudenkmal des Historismus im Rhein- Neckar-Kreis. Als Kern und Krönung der Mühlenanlage ragt der Siloturm weit über die in der Höhe gestaffelten Bauten hinaus.
Er bildet die städtebauliche wichtigste Dominante direkt am Talausgang und korrespondiert auf reizvolle Weise mit den stilistisch verwandten neoromanischen Türmen der Peterskirche und der Wachenburg. Sein burgenartiger Charakter ist ebenso wie die Klinkerfassade ein zeittypisches Erscheinungsbild der Industriearchitektur gerade bei Silos oder anderen Turmbauten im wilhelminischen Deutschland. Die rein funktional bestimmte Nutzung wird mit einer spätromantisch verklärten, wehrhaften Burgenfassade verhüllt. Zugleich ist diese Festung stolzer Ausdruck patriarchalischer und kapitalistisch-imperialistischer Bedeutung solcher Industrieanlagen.

1896 ist der Turmsilo fertig gestellt. Ein zeitgenössisches Werbeplakat gibt die wöchentliche Mahlleistung der Mühle mit 10.000 Sack an. Gearbeitet wird im Tag- und Nachtbetrieb, bei großem Arbeitsanfall auch an Sonntagen. Das Absatzgebiet erstreckt sich auf ganz Süddeutschland. Eine Schrift über die Badische Großindustrie nennt 1896 die Untere Hildebrandmühle „eine der größten Europas“.
Am 27.05.1899 genehmigt das Bezirksamt Weinheim anstelle der vorhandenen hölzernen Kohlenbrücke den Bau einer eisernen Brücke über die Weschnitz. In der unteren Hildebrand‘schen Mühle arbeiten 133 Arbeiter. Mit 58 Weizenstühlen werden 5.888.000 Doppelzentner Getreide vermahlen.

1900 zerstört ein Hochwasser die Brücke über die Weschnitz.
Am 20.05.1900 genehmigt der Bezirksrat, die Mündung des Mühlkanals 65 Meter flussabwärts zu verlegen.
Am 19.01.1901 wird die Unternehmung durch Gesellschaftsvertrag in eine G.m.b.H. umgewandelt. Die Firma firmiert nun unter „H. Hildebrand & Söhne GmbH“ mit Sitz in Weinheim. Rund 150 Mitarbeiter sind in der unteren Mühle beschäftigt. Der Transport des Getreides erfolgt über die Weschnitztalbahn und mit Fuhrwerken. Neben den firmeneigenen Gespannen werden 40 Lohnfuhrwerke eingesetzt. Eine Betriebskrankenkasse und eine Arbeiter-Unterstützungskasse sind eingerichtet. Im Krankheitsfall erhält jeder Arbeiter pro Tag 80 Pfennige. Unabhängig vom Regellohn wird jedem Arbeiter nach zehnjähriger Betriebszugehörigkeit eine jährliche Zulage von 52 Goldmark gewährt. Wegen der ungünstigen Lage im Hinterland plant Georg Hildebrand die Kanalisierung der Weschnitz. Um die Kosten des umständlichen und teueren Umschlags vom Schiff auf die Eisenbahn bzw. Fuhrwerke (Mehrkosten 26 Pfennige/dz) soll das Getreide mit Lastkähnen Weschnitzaufwärts zur Hildebrandmühle transportiert werden. Das Weschnitz-Ufer wird bis zur Boxerbrücke vermauert, die weiteren Ausbaupläne scheitern jedoch durch die Konkurrenz der neuen Großmühlen im seit 1896 entstehenden Mannheimer Industriehafen.

1906 erwirbt Georg Hildebrand im entstehenden Mannheimer Industriehafen ein 26.000 qm großes Grundstück und errichtet dort eine neue leistungsfähige Großmühle mit einer Tageskapazität von 350 Tonnen. In der Unteren Mühle Weinheim werden 210 Tonnen täglich vermahlen.
1907 ist Einweihung des Mannheimer Industriehafens. Die Mannheimer Hildebrandmühle nimmt im Frühjahr den Betrieb auf.
Die Weinheimer Mühle wird zu einer Grieß- und Graupenfabrik umgebaut. Die Unternehmung firmiert nun unter „H Hildebrand & Söhne G.m.b.H. Hartgrießfabrik – Kunstmühlen -Graupenmühle Mannheim und Weinheim“.
Am 24.02.1909 wird das Wehr der Unteren Mühle durch ein Hochwasser zerstört. Im Sommer 1909 wird das Wehr wiederhergestellt, dabei wird die Krone am rechten Weschnitzufer um sieben cm, die Krone des linksseitigen Ufers um 34 cm höhergelegt.
Am 26.06.1912 genehmigt das Bezirksamt Weinheim den Einbau von zwei Francis-Schachtturbinen in der Unteren Mühle als Ersatz für die Wasserräder.
Am 17.08.1912 genehmigt das Bezirksamt den Einbau von zwei „Francis-Spiralturbinen“ (Fabrikat Voith) mit 100 bzw. 46,8 PS statt der ursprünglich genehmigten Schachtturbinen. Das Nutzgefälle wird von 5, 2 m auf 6 m erhöht.
Am 28.06.1918 erfolgt die Umwandlung der G.m.b.H. in eine Kommanditgesellschaft.
1920 wird wegen der schlechten Verkehrslage der Weinheimer Mühlen in Mannheim mit dem Bau einer neuen Roggen,- Graupen- und Hartgrießmühle begonnen.
1921 erfolgt der Umzug des Mühlenbetriebes nach Mannheim. Ein Teil der Weinheimer Maschinenausstattung wird in Mannheim aufgestellt, andere Einrichtungsteile übernimmt das Weinheimer Porphyrwerk (Gründer: Georg Hildebrand). Die beiden Weinheimer Mühlen werden stillgelegt und verpachtet.

02.07.1924 stirbt im Alter von 85 Jahren Georg Hildebrand in Weinheim. Er wird nahe der Unteren Mühle auf dem alten Weinheimer Friedhof beigesetzt.
Die Untere Mühle steht leer.
1928 erfolgt der Verkauf des Unternehmens an die Getreidehandelsfirma H Kampffmeyer für 3.200.000 Mark. Die beiden Weinheimer Mühlen bleiben im Familienbesitz.
Es erfolgt die Gründung der „Hildebrand‘schen Verwaltung“ durch die Erbengemeinschaft, Geschäftsführer ist der Kaufmann Julius Andreae.
1932 erfolgt der Verkauf der Lokomobile aus der Unteren Mühle für 2.000 Mark. Die weitere Verpachtung der Unteren Mühle scheitert wegen ihres schlechten Bauzustandes.
1934/35 veranschlagt die an einer Pacht interessierte Fa. Becker die Instandsetzungskosten der Unteren Mühle auf rund 80.000 Reichsmark, der angestrebte Pachtvertrag kommt wegen der Kosten nicht zustande.
1935 wird die Untere Mühle zum Abbruch ausgeschrieben.
1936 wird die Untere Mühle erneut zum Verkauf angeboten.
Am 01.08.1938 pachtet Karl Platz die Untere Mühle für eine jährliche Pachtsumme von 4.800 Reichsmark, um eine Holzmehl- Mühle einzurichten. Wegen der dringend notwendigen Instandsetzungsarbeiten wird Karl Platz die Pacht bis 1940 erlassen. Die Fa. Freudenberg mietet bis zum Beginn des II. Weltkriegs einige Räume an.
Am 08.04.1939 nimmt die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. den Betrieb auf. Vermahlen werden Sägespäne aus Buchen- und Fichtenholz für die Herstellung von Kunstharz, Pressstoff, Steinholz, Tapeten und Linoleum. Eine neue Dampfmaschine wird aufgestellt.
1940 erfolgt der Einbau von Garagen in der unteren Mühle. Die Werner Andreae gehörende „Jute- und Säckefabrik Heidelberg“ pachtet während des Krieges einen Teil der ungenutzten Mühlengebäude.
Das Mannheimer Rüstungskommando (Major Engelhorn) beschlagnahmt den Getreide-Speicher und weist die Fa. Böhmer in den Siloturm ein. Wegen des undichten Daches regnet es in die Frucht. Um sich vor aufkommendem Sabotageverdacht zu schützen, lässt Pächter Platz das schadhafte Dach reparieren und ersetzt den der Fa. Böhmer entstandenen Schaden.

Im April 1945 besetzen Amerikanische Truppen für kurze Zeit die untere Mühle.
1950 zahlt die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. 7.200 DM jährliche Pacht für die Untere Mühle.
1951: Die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. zahlt 8.400 DM jährliche Pacht.
31.12.1951: Die „Jute und Säckefabrik“ von Werner Andreae verlässt die Untere Mühle.
1952: Die Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft beginnt mit der Einlagerung von Getreide. Im Turmsilo werden zunächst 2.000 Tonnen gelagert.
1953: Die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. zahlt 10.800 DM jährliche Pacht.
Am 28.03.1956 lagert die Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft 7.846 Tonnen Getreide in der Unteren Mühle ein.
Im Mai 1957 meldet die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. Vergleich an.
Der provisorisch reparierte Hauptsilo wird innen aufgestockt, einige Böden der Gebäude A, C und F werden zusätzlich für die Einlagerung von Getreide umgebaut.
Am 26.11.1960 lagert die Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft 8.643,952 Tonnen Getreide in der Unteren Mühle ein.
1966 sind die Wohngebäude der Hildebrand’schen Mühle an verschiedene Familien vermietet. Die Gleisanlagen der Unteren Mühle und die Verladerampe werden umgebaut.
1969 schreibt Fritz Platz in einem Brief an die Erbengemeinschaft über die Untere Mühle: „Ein kleiner Teil der sehr alten Gebäude wurde nicht mehr hergerichtet und liegt brach [..]“.
Im Okt. 1977 sind in der Unteren Mühle sind 5.403.347 kg Getreide eingelagert.
1982 wird die Getreide-Einlagerung in der unteren Mühle durch die „Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft“ endgültig eingestellt.
Im Okt. 1987 legte das Landesdenkmalamt den Entwurf für die Aufnahme einiger Mühlengebäude in die Liste der Kulturdenkmäler vor (Siloturm, Verwaltergebäude, Villa, straßenseitige Fassade, Maschinenhaus).Die genannten Gebäude wurden unter Denkmalschutz gestellt. 1994 wurden jedoch Abrissgenehmigungen für alle Gebäude außer Villa und Siloturm erteilt. Nicht nur aus formalen Gründen indessen bleibt der Denkmalschutz bis zum Abbruch weiter bestehen; es könnte sich ja ein Interessent finden, der gewillt ist, auch diese Bauten zu erhalten.
Im Dez. 1989 erfolgt durch die Erbengemeinschaft Hildebrand/Platz der Verkauf der Mühle an die Fa. Ansin, Heide und Knapp (Bad Homburg) für 1,7 Millionen D-Mark.

Zurzeit wird aus der Hildebrandschen Mühle von der Firma Denkmal AG eine Wohnanlage erbaut.

Bilder: Roger Schäfer und Birgit Schäfer
Text: Hans Bayer